Für Ärzte & Patienten

Was sind Bestrahlungsspätfolgen?

Brustkrebs ist mit Abstand die häufigste bösartige Erkrankung der Frau — statistisch erkrankt jede achte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens daran. Neben der operativen Therapie und der Chemotherapie gehört die Strahlentherapie zu den wichtigsten Behandlungsverfahren, etwa wenn brusterhaltend operiert wird. Da bei der Bestrahlung möglichst alle bösartigen Zellen erreicht werden sollen, kann auch gesundes, benachbartes Gewebe geschädigt werden. Besonders strahlenempfindlich sind kleine Blutgefäße, Bindegewebe sowie die Darm- und Blasenschleimhaut.

Kurz nach der Therapie treten im Bereich des Bestrahlungsfeldes häufig akute Strahlenschäden auf (z. B. Hautrötungen), die meist folgenlos abheilen. Problematischer sind die sogenannten Strahlenspätschäden, die bei bis zu zehn Prozent der Patientinnen und Patienten auftreten — teils erst Monate oder Jahre nach Abschluss der Therapie, mit Schmerzen, Schwellungen, Gewebeumbau (Fibrosierung) und nicht heilenden Wunden im Bestrahlungsgebiet.

Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) wird bei Bestrahlungsspätfolgen bereits seit den 1970er Jahren erfolgreich angewandt, ihre Wirksamkeit wurde seither in mehreren Studien belegt. Durch die HBO wird mehr Sauerstoff ins Gewebe transportiert, es entsteht neues Bindegewebe, Blutkapillaren regenerieren sich — chronische Wunden im Bestrahlungsbereich (an der Hautoberfläche oder im Körperinneren) können damit abheilen.

Strahlenzystitis und Strahlenproktitis — Spätfolgen an Blase und Enddarm

Nach Bestrahlung des Beckens (z. B. bei Prostata-Bestrahlungen) treten bei 5–10 % aller Patienten — manchmal erst Jahre später — Komplikationen wie Blasenentzündung (Strahlenzystitis) oder Enddarmentzündung (Strahlenproktitis) auf. Die HBO ist hier eine sanfte Ergänzungstherapie ohne weitere Medikamente oder Operationen: Sie regeneriert auch durch Strahlung belastetes Gewebe im Körperinneren, indem mehr Sauerstoff ins Gewebe gelangt und die Gefäßneubildung angeregt wird. Mit guten Erfolgsquoten trägt die HBO zu Wundheilung, Rückgang von Entzündungen und Schmerzen, Abheilen von Blasen-Darm-Fisteln und zur Verringerung von Bluttransfusionen bei — bis hin zur Vermeidung von Eingriffen wie Blasenentfernung oder künstlichem Darmausgang.

In vitro- und tierexperimentelle Studien liefern eine klare Behandlungsrationale für den adjuvanten HBO-Einsatz bei strahlenbedingt veränderten Weichteilen: Bestrahltes Gewebe an Blase und Enddarm wird im Zeitverlauf zunehmend zellarm, gefäßarm und damit hypoxisch. Hyperbarer Sauerstoff ist in der Lage, auch schlecht durchblutetes Weich- und Knochengewebe zu oxygenieren — schlecht versorgtes Gewebe bleibt dadurch erhalten, und dem Fortschreiten von Weichteilradionekrosen wird Einhalt geboten. Zusatzbelastungen wie Operationen oder Verletzungen werden besser toleriert, und die an der Heilung beteiligten Zellsysteme werden aktiviert. Die HBO kommt bei diesen therapieresistenten Weichteilläsionen adjuvant, unter Fortführung der etablierten Behandlungsmaßnahmen, zum Einsatz — insbesondere dann, wenn die üblichen Behandlungsmethoden allein nicht ausreichend wirken.

Osteoradionekrose / Radioosteitis

Auch bei modernen Strahlentherapien kann es, insbesondere nach der Behandlung von Kopf- und Halstumoren, zu chronischen Weichteil- und Knochendefekten kommen (Osteoradionekrose bzw. Radioosteitis). Die Bestrahlung vermindert die Gefäßdichte und kann so zu einem Sauerstoffmangel (Hypoxie) in Knochenzellen und Gewebe führen — die Folgen sind chronische Wunden mit Fistelbildung, Osteitis oder Spontanfrakturen. Die HBO bietet hier eine gute Chance zur Regeneration der geschädigten Knochenzellen und des betroffenen Gewebes; oft verschwinden Osteoradionekrose und Radioosteitis dauerhaft. In der Regel sind 20–30 Behandlungen notwendig, eine präzise Einschätzung der Heilungschancen ist per MRT vor Therapiebeginn möglich.

Wirkmechanismus der HBO bei Bestrahlungsspätfolgen

  • Sauerstoff unter Überdruck verbessert die Abwehrfunktion der weißen Blutkörperchen und stärkt die Enzymsysteme, die Bakterien abtöten.
  • Die das Bindegewebe bildenden Zellen (Fibroblasten) haben bei erhöhtem Sauerstoffdruck ihre höchste Aktivität.
  • Bindegewebige Fasern vernetzen sich am besten unter erhöhtem Sauerstoffgehalt im Bereich der bestrahlten Organe.
  • Neue Blutgefäße können nur bei ausreichend hohem Sauerstoffgehalt gebildet werden, besonders im bestrahlten Gewebe.
  • Durch den Wechsel von Sauerstoffmangel und Sauerstoffüberversorgung wachsen neue Blutgefäße.
  • Blutungen, Entzündungen und Schmerzen gehen zurück, Knochendefekte heilen aus.

In den USA übernehmen die „Centers for Medicare & Medicaid Services“ — vergleichbar mit den Spitzenverbänden der deutschen Krankenkassen — die Kosten der HBO bei Osteoradionecrosis und Soft Tissue Radionecrosis. Eine Studie an 411 Patienten mit chronischen Strahlenschäden (Hampson et al., Cancer 2011) zeigte positive Ergebnisse bei 94 % der Patienten mit Osteoradionekrose des Kiefers, 76 % bei kutaner Strahlennekrose, 82 % bei laryngealer Strahlennekrose, 89 % bei Strahlenzystitis und 63 % bei gastrointestinaler Strahlennekrose.

Einordnung: Früh- und Spätschäden

Strahlenfrühschäden treten früh ein — beispielsweise Schädigungen des Knochenmarks sowie der Magen-, Darm- und Blasenzellen (Strahlencystitis und Strahlenproktitis). Sie sind meist progressiver Natur: verringerte Durchblutung durch Gefäßschädigung, narbige Veränderungen, Thrombosen und Gewebeuntergang.

Strahlenspätschäden entstehen ebenfalls durch die Strahleneinwirkung, treten aber erst Monate bis Jahre später auf und können zu Veränderungen am Erbgut und zur Krebsentstehung führen. Man unterscheidet:

  • Deterministische Strahlenschäden — treten erst oberhalb eines bestimmten Bestrahlungsschwellenwertes auf, dann aber immer (z. B. Trübung der Augenlinsen, Hauterythem).
  • Stochastische Strahlenschäden — unabhängig von der Strahlendosis, den Gesetzen des Zufalls unterworfen; bereits ein einziges Röntgenquant kann sie verursachen.

Weitere Informationen und Downloads

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Quellen